Wikinomics



Freiwilligenarbeit Wikipedia

Mit der Gründung der Online-Enzyklopädie Wikipedia im Jahr 2001 entstand eine neue Form der Freiwilligenarbeit: Der kollaborative Aufbau eines weltumspannenden Online-Projektes, von dem alle Menschen, die einen Internetanschluss haben, profitieren. Kann dieses kollaborative Arbeitsprinzip auf lange Sicht überleben?

Zuerst ein paar Angaben zur Community, welche auf der Wikipedia-Hauptseite zu finden sind. Sie stammen aus einer Umfrage von Würzburger Psychologen: 88% der Autoren sind Männer und etwa 50% der Community sind Singles. Fast die Hälfte der AutorInnen arbeitet Vollzeit. Etwa die Hälfte aller Beiträge stammt von lediglich 2.5% der Nutzer und die grösste Dichte von Wikipedianern lebt in Grossstädten. Der harte Kern der Autorenschaft hat i.d.R. eine akademische Bildung, studiert noch oder steht bereits im Berufsleben.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sieht in der Wikipedia ein emergentes Phänomen, was bedeutet, dass auf unerklärliche Weise etwas Neues entsteht. Dieses Neue ist aber nicht aus bekannten Beziehungen oder aus dem System heraus erklärbar. Emergenz tritt in einem System nur dann auf, wenn sie die Möglichkeit hat, in ihrer Umwelt in ausreichendem Mass selbstgesteuert zu agieren. Andere aktuelle Beispiele von Emergenz sind die Entwicklung von Open Source-Software oder die Blogosphäre.

Die meisten AutorInnen von Wikipedia nennen als Grund für ihre Mitarbeit die Erweiterung ihres eigenen Wissens. Günter Schuler erwähnt in seinem Buch ‚Wikipedia inside’ einen ‚Mitmach-Charme’ und ‚Spass-Effekt’. Diese beiden Begriffe umschreiben aber nur (noch) einen Teil der Realität. Im selben Buch ist nämlich auch die Rede von explosiven Diskussionen innerhalb der Community z.B. über auseinanderdriftende Meinungen, welche Themen Eingang in die Enzyklopädie finden sollen und welche nicht. Seit Wikipedia im letzten Jahr in den Medien z.T. heftig kritisiert wurde wegen Schwankungen in der Qualität der Beiträge, Vandalismus etc., verschlechterte sich das Betriebsklima: Bürokratie, scharfer Umgangston und Aufforderungen zum Einhalten der Wikipedia-Regeln scheint gerade in der deutschsprachigen Wikipedia je länger je mehr in den Vordergrund zu rücken gegenüber der Diskussion um Inhalte.

Schuler zufolge steht Wikipedia heute an einem Scheideweg. Um weiter existieren zu können, wird die Enzyklopädie früher oder später neue Strukturen bekommen müssen. Eingeführt ist beispielsweise schon ein Schiedsgericht welches über Benutzerkonflikte entscheidet. Denkbar wäre auch ein Eingreifen des Board of Trustees, um über den bereits erwähnten unlösbaren Dauerkonflikt zu den aufzunehmenden Themen zu entscheiden. Zum Schluss des Buches macht er 11 Vorschläge, wie Wikipedia vor dem Ende bewahrt werden könnte. Zum Beispiel könnte das Administratorenamt nur für eine limitierte Zeit vergeben werden, damit die Admins nicht vor lauter Erschöpfung nach Jahren der Arbeit die AutorInnen demütigen und demotivieren. Um die Artikel inhaltlich zu verbessern sollten Fachredaktionen gebildet werden, die ein Thema vor der Publikation fachkompetent diskutieren. Dies im Gegensatz zur heutigen Praxis des Individualisten, der in Einzelarbeit einen Artikel verfasst. Die Wikiquette, der Katalog mit den Umgangsformen im Wikipedia, schränkt den Umgangston auf unnatürliche Weise ein. Man sollte sich eher an einen normalen Umgangston wie im Alltag auch halten und hoffen, dass die Diskussionskultur, die heute offenbar eher eine Hickhack-Kultur ist, wieder auflebt wie zu früheren Zeiten. Welchen Weg auch immer Wikipedia nun einschlägt – man darf gespannt sein. Und hoffen, dass dieses extrem tolle Informationsangebot weiterlebt!!!

Quellenangaben unter: Citeulike


Kommentare

  1. Pia sagt:

    Der Pioniergeist aber auch die Anerkennung im Zusammenhang mit Wikipedia sind beeindruckend. Der Name ist geläufig und vor allem auch positiv besetzt. Es ist nachvollziehbar, dass gewisse organisatorische Regelungen richtig und wichtig sind, um die Qualtität aber auch die Popularität sicherzustellen. Unnötig aber leider offenbar ebenso unvermeidbar sind Angriffe von aussen. Es sind die Schädlinge, die sich hinter Wikipedia Seiten verstecken. Web 2.0 weitet sich aus und wird bald einmal von der Unsicherheit 2.0 begleitet, denn: Genauso kreativ aber leider destruktiv verbreitet sich Schadsoftware.
    Es werden hohe Investitionen nötig sein, die auch von nicht gewinnorientierten Organisationen wie Wikipedia zu erbringen sind. Denn wenn Wikipedia unsere Computer infiziert, werden wir uns bald nicht mehr so neugierig reinklicken.
    Hand in Hand mit der Verbreitung des Internet geht auch das Bewusstsein um dessen Missbrauch, sei es im Bereich von Jugendschutz, Anleitungen zur Herstellung von Bomben, Gewaltverherrlichung oder eben Schadsoftware. Der Schutz dagegen schränkt die gerade erst gewonnen Freiheiten wieder ein. Die Communities werden aber ihren Beitrag zu einer sinnvollen Regulierung auch leisten müssen.

    Verfasst 1 year, 6 months ago


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